Coaching unter Druck von Digitalisierung und neuen Organisationsformaten?

Von: johannes, Tags: coaching

Mein persönlicher Eindruck von der Coaching meets Research Konferenz 2018: Coaching im Zeitalter von Digitalisierung und neuen Organisationsformaten

Hochspannende Tage bot die 5. Auflage der Konferenz Coaching meets Research in Olten in diesem Jahr. Interessante Vorträge, inspirierende Menschen und anregende Diskussionen machten die Tage in Olten zu einem tollen Erlebnis, so dass ich mich schon auf die nächste Ausgabe der Internationalen Konferenz in zwei Jahren freue.

Für die Coachingszene im deutschen Sprachraum ist ihre Vielfalt prägnant. Unter Coaching wird die Klangschalenrunde in der Höhle zur Naturbegegnung genauso verstanden wie die Beratung in Veränderungsprozessen in einem ehemaligen Staatsunternehmen. Es gibt empirische Forscher, die den einen entscheidenden Wirkfaktor im Coaching (er-)finden wollen und Praktiker, die darauf bestehen, dass der Instinkt letztlich den Prozess steuere. Diese Vielfalt ist spannend, manchmal amüsant und manchmal ist dadurch Verständigung nicht leicht. Weder verfügt die Coachingszene über ein gemeinsames Lernverständnis noch über eine gelungene Eingrenzung des Coachingbegriffes. Daher ist es schon eine Leistung, wenn ein Kongress es schafft eine gemeinsames Thema zu orchestrieren.

Das gemeinsame Thema des Kongresses, Digitalisierung und neue Arbeitsformen, kommt von ausserhalb der Coachingszene, was bei den starken Umbrüchen in der Arbeitswelt nicht überraschend ist. Überrascht war ich jedoch davon, wie wenig von substanziellen Weiterentwicklungen zu hören war. Vorträge und Diskussionen zum Thema Digitalisierung habe ich häufiger als Schwarzmalerei empfunden in denen Bedrohungsszenarien für die Coachingszene aufgebaut wurden. "Wer braucht denn da noch Coaches, wenn das alles Maschinen besser machen können?" "Wird es überhaupt noch Coaching geben?" In der Coachingszene hätte ich mehr Gespräche auch über Chancen dieser Entwicklung erwartet. Auch in den Diskussionen über die neue Arbeitswelt stand "Müssen" und "Sollen" im Vordergrund, Gestaltungsideen waren eher selten. Diskussionsbeiträge wie "ob das denn überhaupt die Realität sei?" oder "Ob das nicht das falsche Menschenbild ist?" zeigten wohl wie schwer Verständigung für Gesprächsprofis sein kann und vielleicht auch, dass der Gegenstand der Diskussion unklar war.

Eine Zuspitzung der Themen war im Aufbau der Konferenz durchaus gewünscht. Präsentationsformen wie „Hypothesenslam“ und „Rosarot oder Rabenschwarz“ zeigten dann auch eine polare Meinungslandschaft. Hitzige Diskussionen erzeugen ja auch Wärme und Reibung ist auch Energie – doch ein gemeinsamer Lernprozess oder eine erkennbare Richtung war für mich dabei nicht zu erkennen - die negativen Zukunftserwartungen fand ich dominierend. Vielleicht ist das auch einfach ein Zeichen unserer Zeit, dass selbst eine so kreative Szene wie die Coachingszene sich eher getrieben, denn als Treiber sieht.

Ich persönlich teile nicht die Befürchtung, dass künstliche Intelligenz den Coach kapern wird. Den Vortrag von Douglas Riddle, ehemals Center for creative Leadership, verstehe ich als Stütze dafür. In einer zentralen Videokeynote brachte er sein Verständnis zum Ausdruck, das Coaching im Wesentlichen ein helfendes Gespräch von Mensch zu Mensch ist. Dann wäre Dialogkompetenz in der Beratung der entscheidende Faktor, um im Vergleich mit Maschinen besser abschneiden zu können. Geht es im Coaching jedoch im Wesentlichen darum, dass ich Ziele mit dem Coachee vereinbare und die folgenden Sitzungen dafür genutzt werden, die Zielerreichung zu überprüfen – da kann ich mir gut vorstellen, dass dies durch Software auch gut gemacht werden kann.

Eine ganz andere Perspektive brachte Deborah Helsing von Minds at Work in der abschließenden Keynote ein. Das lag auch daran, dass sie sich nicht damit beschäftigte was Coaching ist oder wie Coaching in der neuen Arbeitswelt bedroht ist. Sie fragte stattdessen: Wie müssten Organisationen sein, wenn sie das menschliche Bedürfnis nach persönlicher Entfaltung in den Mittelpunkt stellen? Wie wäre es, wenn die tägliche Arbeit in einer Firma das tiefe Bedürfnis eines jeden Mitarbeiters zu lernen und zu wachsen unterstützen würde? Sie stellte dafür kein Praxisprojekt von Beratern vor – sondern schilderte eine Untersuchung von drei Organisationen bei denen die Entwicklung der Mitarbeiter im Mittelpunkt steht. Gefunden haben sie Organisationen die an der Spitze ihres Marktsegments stehen und dies WEIL sie persönliche Entwicklung genauso wichtig finden wie die Ergebnisse unterm Strich. Sie hat sich also nicht mit Coaching als Format beschäftigt sondern mit der Zielvorstellung von Coaching, und dem, was wir durch Coaching erreichen wollen. Diese Betrachtung förderte zahlreiche neue Erkenntnisse zu Tage. Aus meiner Sicht zeigte Deborah Helsing einen Blick auf die Zukunft der Arbeit wie wir sie uns gestalten können – wenn wir die Angst vor unserer Zukunft verlieren.

Hier ist der Link zur Buchrezension von Deborah Helsing: LINK

Hier finden Sie meinen Beitrag auf der Konferenz über den Change Pod: LINK